Bei einer Operation des Grauen Stars (Katarakt) oder beim Austausch der natürlichen Augenlinse wird eine sogenannte Intraokularlinse (IOL), eine künstliche Linse im Auge, eingesetzt. Grundsätzlich unterscheidet man dabei monofokale und multifokale Intraokularlinsen.
Was sind multifokale Intraokularlinsen?
Multifokale Intraokularlinsen (IOLs) sind sehr kleine, technisch aufwendige Kunstlinsen, die dauerhaft im Auge verbleiben. Sie bestehen aus mehreren optischen Zonen, die jeweils für Nah-, Zwischen- und Fernsicht ausgelegt sind. Das Ziel dieser Linsen ist es, über verschiedene Entfernungen hinweg möglichst scharf sehen zu können und damit die sog. Alterssichtigkeit (Presbyopie) zu reduzieren, die es mit zunehmendem Alter erschwert, nahe Objekte scharf zu sehen. Monofokale IOLs sind entweder für die Ferne, für die Nähe oder für eine mittlere Entfernung konstruiert, nicht für mehrere Entfernungen gleichzeitig.
Im Jahr 2020 waren laut Fachliteratur etwa 100 verschiedene multifokale Intraokularlinsenmodelle verfügbar.
Monofokal oder multifokal: die Forschungslage
In einer Studie wurde die Sehleistung von Patienten mit monofokalen (85 Patienten) und multifokalen IOLs (46 Patienten) systematisch miteinander verglichen. Beide Gruppen waren hinsichtlich Alter und Geschlecht vergleichbar. Vor dem Eingriff wurden bei allen Teilnehmenden mehrere Untersuchungen durchgeführt, darunter die Beurteilung der Linsentrübung, die Messung der Hornhautkrümmung und die Prüfung auf Astigmatismus (Hornhautverkrümmung). Diese Untersuchungen stellen sicher, dass die Ausgangsbedingungen in beiden Gruppen vergleichbar sind. Die Voruntersuchungen zeigten, dass keine signifikanten Unterschiede vor der Operation bestanden, sodass für keine der beiden Gruppen ein potenzieller Vorteil bestand.
Sehschärfe
Die monofokale Gruppe erzielte bessere Werte bei:
- Korrigierter intermediärer (mittleren) Sehschärfe (CIVA): Sehen im mittleren Abstand mit Sehhilfe
- Korrigierter Nahsehschärfe (CNVA): Sehen im Nahbereich mit Sehhilfe
Die multifokale Gruppe erzielte bessere Werte bei:
- Unkorrigierter Nahsehschärfe (UNVA): Lesen und Sehen im Nahbereich ohne Sehhilfe
- Etwa 85 % der Patienten mit multifokalen IOLs benötigten gar keine Sehhilfe mehr.
Kontrastempfindlichkeit
Kontrastempfindlichkeit beschreibt, wie gut feine Unterschiede zwischen hellen und dunklen Bereichen erkannt werden können, z.B. bei Dämmerung oder schlechtem Licht. Die monofokale Gruppe zeigte eine bessere Kontrastempfindlichkeit sowohl mit als auch ohne Blendung.
Brillenabhängigkeit
Es wurde untersucht, wie häufig nach der Operation noch eine Brille benötigt wurde. Patienten mit multifokalen Linsen benötigten deutlich seltener eine Brille für Nah- und Zwischenentfernungen. Für die Fernsicht zeigte sich eine statistisch nicht signifikante Verringerung der Brillenabhängigkeit in der multifokalen Gruppe.
Sehqualität im Alltag
Die subjektive Wahrnehmung des Sehens wurde mit einem standardisierten Fragebogen (Visual Function Questionnaire-25 [VFQ-25]) untersucht. Insgesamt gab es keine relevanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Lediglich eine Ausnahme bestand darin, dass Patienten mit multifokalen IOLs häufiger über Probleme beim Autofahren in der Nacht berichteten. Dies ist also ein wichtiger Faktor für Menschen, die regelmäßig bei Dunkelheit autofahren.
Multifokale IOLs ermöglichen eine bessere Nahsicht ohne Brille und führen insgesamt zu einer deutlich geringeren Brillenabhängigkeit. Gleichzeitig berichteten Patienten mit multifokalen Linsen jedoch häufiger über Probleme beim nächtlichen Autofahren. Monofokale IOLs wiesen hingegen eine bessere Kontrastempfindlichkeit auf und waren mit weniger Problemen bei Nachtfahrten verbunden. Ein eindeutiger „Gewinner“ ließ sich also nicht bestimmen.
Multifokale vs. monofokale IOLs bei Kindern
Eine weitere Studie untersuchte diese Linsentypen bei Kindern unter einem Jahr mit angeborenem Grauen Star. Diese Erkrankung ist zwar selten, kann die Sehentwicklung jedoch stark beeinträchtigen und sollte daher früh operiert werden.
Im Kinderkrankenhaus Bambino Gesù in Rom wurden 56 Augen von 43 Kindern von unter einem Jahr operiert. 32 der Augen erhielten multifokale Linsen, die restlichen 24 monofokale Linsen. Nach durchschnittlich etwa sieben Jahren wurden die korrigierte Fernsichtschärfe (CDVA), der Brechungsfehler (wie gut die Linse Licht auf die Netzhaut fokussiert) und das Auftreten von Augenmuskelstörungen untersucht.
Ergebnisse der Studie
- Die durchschnittliche CDVA war in beiden Gruppen vergleichbar.
- Es zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der allgemeinen Sehentwicklung.
- Der Linsentyp beeinflusste jedoch das sphärische Äquivalent (SE), ein Maß für die gesamte Brechkraft des Auges. Kinder mit multifokalen Linsen hatten ein höheres SE, besonders nach Operationen an beiden Augen.
- 60,4 % der Kinder entwickelten nach der Operation Schielen als Fehlstellung der Augen. Hiervon waren häufiger Kinder mit multifokalen Linsen betroffen.
Zusammenfassend zeigte sich, dass multifokale IOLs keinen klaren Vorteil für die langfristige Sehentwicklung bei Kindern mit angeborenem Grauen Star zeigten. Zudem war das Risiko für bestimmte Komplikationen erhöht.
Zusammenfassung
Multifokale IOLs können Erwachsenen zu einer größeren Brillenfreiheit verhelfen, sind jedoch mit Einschränkungen beim Nachtsehen und bei der Kontrastwahrnehmung verbunden. Monofokale IOLs bieten dagegen eine stabilere Sehqualität insbesondere bei schwierigen Lichtverhältnissen, machen jedoch häufiger das Tragen einer Brille erforderlich. Bei Kindern zeigten multifokale IOLs keinen eindeutigen Vorteil. Die Wahl der geeigneten Linse sollte daher stets individuell erfolgen, in enger Abstimmung mit dem behandelnden Augenarzt und unter Berücksichtigung der persönlichen Bedürfnisse.
FAQ – Häufig gestellte Fragen zu monofokalen und multifokalen Linsen
Welche Linse ist besser: monofokal oder multifokal?
Es gibt keine universell bessere Linse. Multifokale Linsen bieten mehr Brillenunabhängigkeit, insbesondere beim Lesen und auf mittlere Entfernungen. Monofokale Linsen überzeugen mit besserer Kontrastempfindlichkeit und weniger Problemen beim Nachtfahren. Die richtige Wahl hängt von Ihren individuellen Sehgewohnheiten und Prioritäten ab.
Kann ich nach einer multifokalen Linse noch nachts Auto fahren?
Viele Patienten können nachts problemlos fahren. Studien zeigen jedoch, dass Patienten mit multifokalen IOLs häufiger über Probleme beim nächtlichen Autofahren berichten als jene mit monofokalen Linsen. Dies liegt an der erhöhten Lichtstreuung, die Halos oder Blendung verursachen kann. Besprechen Sie dies vor der Linsenauswahl mit Ihrem Arzt.
Warum ist eine Voruntersuchung so wichtig?
Eine sorgfältige Voruntersuchung stellt sicher, dass die Ausgangsbedingungen bewertet werden und die passende Linse gewählt wird. Sie umfasst unter anderem die Messung der Hornhautkrümmung, Prüfung auf Astigmatismus und Beurteilung der Linsentrübung.
Sind multifokale IOLs auch für Kinder geeignet?
Studien zeigen, dass multifokale IOLs bei Kindern mit angeborenem Grauen Star keinen eindeutigen Vorteil bieten und das Risiko für bestimmte Komplikationen wie Schielen erhöht sein kann. Die Entscheidung sollte daher sorgfältig und individuell getroffen werden.
Wie hoch ist die Brillenfreiheit bei multifokalen Linsen?
Etwa 85 % der Patienten mit multifokalen IOLs benötigten in Studien nach der Operation gar keine Sehhilfe mehr. Dies ist jedoch kein garantiertes Ergebnis – realistische Erwartungen und eine ausführliche Beratung sind entscheidend.
Wo kann ich mich über die Linsenwahl beraten lassen?
Eine persönliche Beratung beim Augenarzt ist unerlässlich. Dabei werden Ihre individuellen Augenwerte, Sehgewohnheiten und persönlichen Ziele besprochen. Bei Bedarf können Sie auch eine Zweitmeinung einholen.
Referenzen
Buzzonetti, L., Petroni, S., De Sanctis, C. M., Valente, P., Federici, M., Benassi, C., & Iarossi, G. (2022). Comparative analysis of visual outcomes of multifocal and monofocal intraocular lenses in congenital cataract surgery. Journal of Cataract & Refractive Surgery, 48(1), 56–60. https://doi.org/10.1097/j.jcrs.0000000000000705
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